Echter Heavy Metall

most pierced man everDie Schwierigkeit, sich zum allerersten Mal mit Rolf Buchholz zu unterhalten, ist wahrscheinlich anerzogen. Man will nicht starren – und tut es doch. Und man will nicht die gleichen Fragen stellen, die alle stellen – und tut das wahrscheinlich auch. Es ist ein Dilemma, man kann es drehen und wenden, wie man will. Rolf Buchholz, 53 Jahre, Dortmunder, der meistgepiercte Mann der Welt, macht es einem nicht ganz einfach.

Fangen wir vielleicht mit dem Einfachen an: Buchholz, in Dortmund geboren und hier lebend, steht im aktuellen Guinness-Buch der Rekorde, er ist der „most pierced man“, er trägt 453 Piercings permanent am Körper. Sein Rekordhalter-Vorgänger, ein Brite, hatte 241.
Auch nicht wenig, aber da liegen Welten zwischen. Piercings sind nicht sein einziger Körperschmuck, der Mann ist auch von Hals bis Fuß tätowiert und trägt diverse Implantate, die auffälligsten sind die kleinen Hörner auf der Stirn – aber er ist Weltrekordhalter im Gepierct-sein, reden wir also über Piercings. Rund 170 stecken im Gesicht, ein paar noch hier und da verstreut, weitere 278 finden sich dort, wo die Sonne auch im Sommer meist nicht scheint.

Buchholz listet das auf, man merkt, er erklärt es nicht zum ersten Mal, und der Zuhörer denkt an Schmerzen. „Ob das nicht wehtut, werde ich eigentlich am häufigsten gefragt“, sagt der Informatiker, der bei der Telekom arbeitet. Naja, wenn es alle fragen: „Und, haben Sie Schmerzen?“ Man fühlt sich wie ein Arzt, wenn man so etwas fragt.
„Nein.“ Das sei, erläutert er dann, wie beim Ohrloch-Schießen, wenn es verheilt ist, merkt man nichts mehr. Man schaut ihn an, interessiert, bloß nicht den Anschein von Starren erwecken, und bleibt an den metallenen Lippen hängen. „Und, Knutschen geht gut?“

„Kein Problem“, sagt der 53-Jährige. Ok, knutschen geht also gut, kann man in diese Richtung weiterfragen? Fragt man sich und fragt dann lieber nicht, so lange kennen wir uns ja nun auch nicht und jeder andere Gesprächspartner hätte schon bei der Knutsch-Frage zurecht das Gespräch abgebrochen.
Schnell, was Unverfängliches, was ist im öffentlichen Raum und der Wahrnehmung darin?

Buchholz lächelt, erzählt, wie er gerade auf dem Weg zu unserem Gespräch gefragt worden sei, ob man ihn fotografieren dürfte und dass die meisten Reaktionen, die er mitbekomme, positive seien. „Und was hinter meinem Rücken passiert, merke ich ja nicht.“
1999 habe er mit seinem ersten Piercing angefangen, geplant sei da nichts gewesen, dann sei es einfach weitergegangen. Irgendwie hatte das Metall, das nicht magnetisch ist und daher in der Regel auch keine Probleme an Flughäfen mache, eine magnetische Anziehungskraft auf Buchholz. Wie viel Geld er für seinen Körperschmuck ausgegeben hat, kann er nicht beziffern, er weiß es nicht.

Er weiß, dass er sich im vergangenen Jahr im Internet beim Guinness-Buch beworben habe. Vertreter kamen vorbei, schauten ihn sich an und irgendwer muss dann gezählt haben, wie das jetzt technisch ausgesehen hat, traut man sich nicht zu fragen.
Naja, Buchholz flog dann nach London, er war eingeladen zur Präsentation des neuen Rekord-Buches am 15. Oktober, neben ihm waren unter anderem auch noch die Frau mit der längsten Zunge der Welt und die Frau mit dem größten Afro der Welt dabei.
Eine interessante Erfahrung sei das gewesen, Buchholz wurde gefilmt und hat von Freunden gehört, dass man ihn in Costa Rica und Russland im Fernsehen gesehen habe. Dann kam er wieder heim, auch bei diesen Flügen hätten die Piercings kein Problem bereitet, überhaupt gebe es eher Probleme mit den Implantaten aus Silikon am Unterarm, die würden manchmal ertastet und dann würden die Zollbeamten schauen, ob er nichts schmuggele.
Buchholz ist wieder in Dortmund, in seiner Stadt, in der man hinter ihm tuschelt und vorne fotografiert und wo er die immer gleichen Fragen beantwortet. Und die Fragen, an die man wirklich denkt, stellt niemand, denn die sind doch ein bisschen intim. Körperschmuck ist eine echt hautnahe Sache.

A Man May Fish

A Man May Fish

Bear my body, when I die,
Far from men, and let it lie
             By a salmon river.
Where the larches troop their ranks
And, above the granit banks
Silver birches shiver

Stay not, stranger, passing by,
For decorous lament or sigh
            Where I rest beside you.
Go, my brother, cast your line,
With a craft that once was mine,
              And good luck betide you.

There, who knows, I still may ply
O’er the stream a phantom fly
              For a midnight capture,
And, if heaven attends my whish,
Bring to bank a ghostly fish
               In a ghostly rapture

Gefunden in “A Man May Fish” von T.C. Kingsmill Moore.

“Ich Problem”

Ingo und Nadka im Herbst 2011

Zähne, die sich in rohes Fleisch graben. Es von einem Knochen reißen, zerkauen und schlucken. Ingo W. sah dieses Bild  und verliebte sich. 2009, kurz vor dem Rosenmontag war das und das Archaische in diesem Bild wich nicht mehr aus der Beziehung. Es veränderte im Lauf der Zeit nur sein Aussehen.

Da saß diese Frau in einer Wohnung in der Nordstadt und aß also rohes Fleisch. Bis zu diesem Moment dachte Ingo, er würde das Leben in der Nordstadt in all seinen Facetten kennen. Er ist hier geboren und aufgewachsen, seine heutige Wohnung liegt zwei Straßenzüge von seinem Geburtsort entfernt. Er hat Dreher gelernt, wurde LKW-Fahrer, er fuhr sein Leben lang. Nach Bulgarien fuhr er nie. Bulgarien kam 2009 zu ihm, in Form dieser Frau.
Nadka also. Geboren in Plowdiw, zweites von fünf Kindern, mit 14 angefangen zu arbeiten. Arbeit heißt anschaffen. Zwei Jahre später dann auf Heroin. Wieder ein paar Jahre später also arbeiten auf Heroin in Dortmund. Auf dem damals ausufernden, nein, explodierenden Straßenstrich.
„20 Euro Ficki-Ficki.“ Oder ein bisschen weniger, je nach Suchtdruck und der Marktlage und was sonst so für Parameter gelten in einer Welt, die nicht gesehen werden will und soll. Und die sich doch nährt von dem, was sich hinter den Fassaden und Gesichtern der Normalität verbirgt.
Jetzt also sitzt ein Teil dieser Welt bei Ingo im Wohnzimmer, Medikamente, ein ganzes Beistelltischchen voll, die Nadka braucht, stehen neben der Couch und wenn man sich hier umschaut, könnte man meinen, hier lebt ein Kind. Spielsachen stehen dort und Stofftiere. Ein krankes Kind im Alter von 25 Jahren. Angesteckt mit dem, was man bei dieser Arbeit so bekommen kann, und was es mit dem Kopf macht, steht auf einem anderen Blatt.

Zwei Tage, nachdem die beiden sich zum ersten Mal gesehen hatten, kam sie bei ihm vorbei und blieb. Weitere zwei Tage später kam die Mutter der Frau. „Dann“, sagt Ingo, „fing das Dilemma an.“
Das Dilemma sah so aus, dass die Mutter von der Arbeit ihrer Töchter finanziell profitierte. Gleichzeitig brauchten die Töchter Geld für den Stoff und mittendrin dann Ingo, dessen erste Frau 1995 gestorben war.
Irgendwann schmiss er die Mutter raus und ihre weiteren Kinder. Und an dieser Stelle hätte sich das Schlechte vielleicht zum Guten wenden können, mit einem bescheidenen kleinen Glück, aufgebaut aus den Trümmern des globalisierten Menschenhandels.
Doch das Telefon schellte bei Ingo am 17. Februar 2010, „in der Halbzeitpause, es spielten gerade Bayern gegen Florenz“. Ingo kennt die Daten, sie kommen aus dem Eff-Eff aus ihm heraus, er weiß, wie Nadka damals am anderen Ende zu ihm sprach: „Ich Problem.“ Der Rentner macht sich auf den Weg und findet sie auf der Straße, auf dem Boden liegend. Zwei Männer laufen weg.
Damals, in dem Moment, als sie da liegt, holt er sie heim, versteht langsam, was hier eigentlich los war, wofür das ganze Geld drauf ging, warum sie so oft stundenlang weg war und welche Teufel ihr im Nacken saßen: Sie wurde monatelang erpresst, vergewaltigt, misshandelt. Später, im März dieses Jahres, werden diese Männer verurteilt zu sechseinhalb beziehungsweise zu zwei Jahren und drei Monaten Haft.
Am 22. April 2010 ist es dann soweit, sie haben für Nadka einen Platz im Methadonprogramm bekommen. Der nächste Anlauf zum kleinen Glück – bis zum Oktober 2010. Die Mutter und die Geschwister tauchen wieder auf und Ingo will davon nichts wissen. Doch wie so oft im Leben denkt der Mann, er bestimmt, und die Frau handelt derweil. Also ist die kleine Wohnung wieder überfüllt.
Vier Tage lang, bis die Mutter ihrer zweiten Tochter eröffnet, dass sie nun wieder arbeiten gehen müsse, um die Familie zu unterstützen. „Wenn du nicht arbeiten gehst, muss ich Erika verkaufen.“ Verkaufen heißt hier Männern anbieten und Erika ist die kleinere Schwester von Nadka und neun Jahre alt. Ingo haut mit der Faust auf den Tisch, hier wird nicht mehr gearbeitet, er schmeißt die Familie erneut raus, behält sein kleines Glück zurück.
Der nächste Versuch, zur Ruhe zu kommen, er hält 10 Monate: Am 18. August geht er durch die Nordstadt und sieht eine Blutlache und fragt sich noch, wo die jetzt wohl herkomme. Ein paar Stunden später weiß er es dann, dieses Blut also kommt von Nadkas älterer Schwester. Sie war in einen Streit geraten mit einem Freier, es ging irgendwie um die Bezahlung und es war erst ein Messer im Spiel und dann im Bauch, und dann schmiss der Mann die Schwester aus dem Fenster – sechseinhalb Meter tief auf das Pflaster. Die Schwester hat schwerste Verletzungen und liegt im Krankenhaus und die Mutter hat keine Einkommensquelle mehr, nur einen Tag später stehen 30 Bulgaren auf der Straße, in der Ingo wohnt, weitere sind im Treppenhaus, sie wollen rein. Sie sind aufgebracht, hier soll ein deutscher Mann eine Bulgarin an Heizungsrohre gefesselt haben und sie anbieten. Diese Geschichte muss ja stimmen, die Mutter des Mädchens sagt das.

Ingo steht drinnen, drückt gegen die Tür, von draußen die Schläge und irgendwann kommt die Polizei, fragt Ingo, ob er Waffen oder Drogen habe. Und die Mutter mittendrin im aufgebrachten Mob, ihre Vorwürfe wiederholend – irgendwann endlich Ruhe.
Seitdem hält sie an, die Ruhe, gegen Ingo wurde ermittelt wegen Freiheitsberaubung, die Mutter ist abgetaucht und Nadka ist weiterhin im Methadonprogramm.
Er sagt, er will nicht, dass weiter Lügen über ihn verbreitet werden. Außerdem werde er zu Nadka halten, bis er tot umfällt, denn: „Wenn ich sie fallen lasse, ist sie in zwei Monaten tot.“ Sie sagt: „Ingo soll nicht Knast. Ich mache mich tot.“ Nächster Versuch zum kleinen Glück. Sie möchte Ingo heiraten. „Irgendwann“, sagte er, „wenn das hier alles vorbei ist.“

An der Wohnzimmerwand über der Couch hängt ein Teller. Blumen darauf, ein Spruch: „Folgt der Mann hübsch seiner Frau, bleibt der Himmel klar und blau.“ Der Teller stammt von Nadkas Mutter.

Hosentaschenbilder

Meine Social-Media-Nutzung verschiebt sich im Moment. Weg von Twitter, hin zu Instagram. Warum das so ist, ist vielleicht noch mal ein paar eigene Gedanken wert.

Mit Bildern vom Smartphone hatte ich mich hier schon mal beschäftigt.
Heute will ich aber nur ein paar Bilder posten.
Sie entstanden allesamt so in den letzten zehn Tagen.

Und jetzt gehe ich raus. Weiter knipsen:)

 

 

 

 

 

“Im Nachhinein war das falsch”: Die Geschichte eines Missbrauchs

Der Tatort: In dieser Tiefgarage geschah am 26. Januar ein Missbrauch. Der Täter wurde am 14. Juli 2011 verhaftet.

Das Kind kommt an diesem Mittwoch Ende Januar nicht pünktlich nach Hause. Draußen ist es trocken und kalt, die Familie hat Stress, der jüngste Sohn zahnt, Schlaf ist Mangelware und gleich steht auch noch ein Termin im Kindergarten an.
15.30 Uhr. Wo bleibt das Kind?
15.45 Uhr. Kein Kind. Immer noch nicht. Der Schulweg ist nicht lang, seit den Osterferien 2010 geht die 7-Jährige ihn alleine. In dieser Zeit kam sie zwei Mal zu spät:. Einmal hatte sie einen Strauss Blumen gepflückt, ein andermal hatte sie einen Schneemann gebaut. Sonst immer pünktlich. Heute nicht. Sorgen tauchen auf. Dann, endlich. öffnet sich um 16 Uhr die Tür.
Das Kind ist da. Endlich.
Der Albtraum beginnt.

„Wo warst du?“ will die Mutter wissen.
„Ich habe einen Mann kennengelernt“, sagt das Kind.
Er habe sie mitnehmen wollen, sagt sie noch. Sie habe sich dann losgerissen und sei weggerannt. Mehr sagt sei zunächst nicht.
Wie sich Monate später zeigte, hatte das Kind tatsächlich einen Mann kennengelernt. Er hatte das Mädchen angesprochen, mit ihr auf einer Mauer gesessen, war dann mit ihr in die Tiefgarage des Hauptzollamtes gegangen und hatte das Kind dort sexuell missbraucht. Bei dem Täter handelt es sich um einen ehemals Sicherungsverwahrten, der aufgrund der EU-Rechtssprechung frei gekommen und nach Dortmund gezogen war. Zunächst war der Mann 24 Stunden am Stück überwacht worden. Jetzt, etwas mehr als vier Monate später, ist die Überwachung komplett eingestellt. Lediglich ein Handy zu seiner Ortung soll er immer dabei haben. Das Handy hat er dabei.

An diesem Mittwoch, dem 26. Januar, weiß die Mutter all das nicht. Sie weiß nur, das da etwas war. Und sie will Hilfe.
Die Mutter ruft bei der Polizei an, schildert ihren Verdacht und erhält, so sagt sie es später, die Auskunft, dass die Polizei sich melden werde. In einem späteren Vermerk der Polizei steht, dass die Mutter sich gemeldet habe. Von eingeleiteten Maßnahmen steht dort nichts.
Als das Kind sich am Mittwoch Abend weiter öffnet und den Eltern unter anderem von einem Biss in ihren Schritt berichtet, meldet sich die Mutter erneut bei der Polizei und erhält dort die Auskunft, dass sie doch bitte selber die Anziehsachen des Kindes zur Seite zu legen, die würde man am nächsten Tag sicherstellen. Das zuständige Kommissariat würde sich bei der Familie melden. So steht es auch in dem polizeilichen Vermerk.

Einen Tag später meldet sich also vormittags eine Polizistin, sie will einen Termin für den nächsten Tag vereinbaren. Auch ihr erzählt die Mutter, dass ihre Tochter weitere Details der Tat erzählt hatte. Die Beamtin, eine unter anderem für Kinderbefragungen geschulte Kriminalhauptkommissarin, zieht den Termin vor, die Mutter möge doch bitte noch an diesem Tag nach der Schule mit der Tochter vorbeikommen. Das geschieht.
Die Chemie zwischen den beiden Frauen scheint von Anfang an nicht zu stimmen, zudem ist das Kind unsicher, denn es durfte zwei Dinge eigentlich nicht tun: Ihren direkten Heimweg verlassen und mit fremden Männern mitgehen. Beides hat sie, wenn auch nicht freiwillig, getan. Und fühlt sich selber schuldig. Die Siebenjährige ist verunsichert.
Die Mutter wird aus dem Vernehmungszimmer herausgebeten.
Dann schildert das Kind die Variante eines möglichen Missbrauchs, das zwar wesentliche Elemente der Tat enthält – was geschehen ist, wie der Mann sich genannt habe („Andreas“) und wo man gemeinsam gesessen habe – in anderen Dingen aber auch unstimmig und, wie sich später zeigen wird, falsch ist. Die Beamtin wird skeptisch.

Der Siebenjährigen wird eine Zeichnung vorgelegt, auf der sie erklären soll, wo der Fremde sie angesprochen und wo er sie missbraucht hat. Die Zeichnung, sie wird auf einem Blatt Papier aus der Hand heraus gezeichnet, ist nicht korrekt, es fehlen Querstraßen. Das Kind gibt falsche Orte an. Der Zweifel wächst.

Spätestens jetzt stehen sich zwei Seiten gegenüber, die eigentlich zusammenarbeiten müssten: Da ist auf der einen Seite die Mutter, die glaubt, dass ihr Kind, dem etwas angetan wurde, falsch befragt wurde. Und da ist andererseits die Beamtin, die aus den verschiedenen und widersprüchlichen Aussagen des Mädchens und den falschen Ortsangaben einen falschen Schluss zieht.

In den Akten heißt es später: „Letztendlich bleiben hier erhebliche Zweifel an den Schilderungen der …., wobei nicht gänzlich ausgeschlossen werden kann, dass das Kind in sexueller Art und Weise missbraucht worden ist.“ Dann wird eine DNA-Probe genommen.
Für den nächsten Tag wird ein Ortstermin anberaumt, an dem man gemeinsam die Strecke ablaufen möchte. Als die Eltern mit dem Kind zu dem Termin kommen, treffen sie auf die Beamtin. Die teilt ihnen mit, dass eine gemeinsame Begehung unnötig sei, sie habe Fotos gemacht, die könne man gemeinem betrachten. Die Fotos finden sich in den polizeilichen Akten. Das Problem, das daraus entsteht, ist, dass die Bilder weder den Tatort erfassen noch die Stelle zeigen, an dem das Mädchen mit dem Mann auf der Mauer gesessen hatte.
Erneut kommt es so zu Widersprüchen, das Klima zwischen den Parteien wird nicht besser und die falsche Tatschilderung nicht richtiger.

Die Beamtin hält die Geschichte offenbar für ausgedacht.
Die Eltern haben essentielle Sorgen um ihre Tochter.
Das Kind ist sieben Jahre alt und hat das Gefühl, etwas falsch gemacht zu haben.

Die Mutter mit dem jüngsten Kind.

Die Mutter mit dem jüngsten Kind.

Die Eltern geben später an, dass die Polizistin bei der Verabschiedung angemerkt habe, dass sie die Schilderung der Tat prüfen würde. Sollten die Angaben des Kindes sich als falsch herausstellen, würde sie empfehlen, das Verfahren einzustellen und die DNA-Probe nicht weiterleiten.
Auf die simple Idee, die Handy-Daten eines Mannes, der wegen Kindesmissbrauchs in mehreren Fällen eigentlich noch in Sicherungsverwahrung sitzen würde, weiterhin als hochgradig rückfallgefährdet gilt und nicht mehr überwacht wird, mit einem möglichen Tatort abzugleichen, kommt offenbar niemand.
Die DNA bleibt zunächst, wo sie ist.

Die Eltern, die das nicht verstehen, gehen den Weg am Freitag selber mit dem Mädchen ab. Bei diesem Gang scheint plötzlich alles schlüssig, das Kind zeigt den richtigen Tatort, der Vater ruft erneut die Polizei an und will einen Beamten vor Ort haben. Er wird darauf hingewiesen, sagt er später, dass das Hinauskommen der Beamten Geld koste. Schließlich kommt dennoch – nach einem weiteren Anruf – ein Polizist hinaus, der sich das Geschehen noch einmal erklären lässt.
Dann geschieht – nichts.
Zwölf Tage nach der Tat leiten die Eltern eine Dienstaufsichtsbeschwerde gegen die Kriminalhauptkommissarin ein.

Knapp einen Monat nach der Tat bekommt die Familie Post von der Staatsanwaltschaft Dortmund. Das Verfahren ist eingestellt. In dem Schreiben heißt es unter anderem: „Weitere Ermittlungsmöglichkeiten liegen zurzeit nicht vor“. Die Eltern verstehen die Welt nicht mehr, für sie sind längst noch nicht alle Ansätze ausreichend untersucht.

Wiederum fünf Tage später meldet sich der Vorgesetzte der Beamtin und möchte mit den Eltern über die Dienstaufsichtsbeschwerde sprechen. Er kommt am 28. Februar abends bei den Eltern vorbei, hört sich ihre Sorgen an und es kommt zu einer Art Geschäft: Wenn die Eltern die Beschwerde fallen lassen würden, würde der Vorgesetzte dafür sorgen, dass die Ermittlungen weiter laufen würden und die DNA, die beim Kind gefunden wurde, nach Düsseldorf verschickt würde. Die Mutter erwähnt in diesem Gespräch, so sagt sie, dass es da doch diesen ehemaligen Sicherungsverwahrten gebe, der sich an Kindern vergangen habe und in Dortmund lebe. Der Vorgesetzte habe das als Angstmacherei und Polemik der Presse bezeichnet.

Fakt ist, dass die Probe am 3. März, also vier Tage nach dem Treffen von Vorgesetztem und Eltern, an das Landeskriminalamt zur Untersuchung geschickt wurde. Das geht aus einer Notiz auf dem so genannten Sicherstellungsprotokoll des Beweismaterials hervor.

36 Tage nach einer Sexualstraftat und eine Dienstaufsichtsbeschwerde später wird diese Probe also mit niedriger Priorität nach Düsseldorf versandt. Auf die Idee, die Handydaten des Mannes zu prüfen oder dem Kind ein Bild vorzulegen, kommt weiterhin niemand.

Am 14. Juli 2011, klingelt bei der Mutter das Handy. Eine weitere Polizistin, eine sogenannte Opferschutzbeauftrage, meldet sich bei der Mutter. Man wolle, so sagt die Beamtin, nicht, dass die Eltern es aus der Presse erfahren, aber die eingeschickte DNA-Probe habe zu einem Treffer geführt, der Täter sei verhaftet. Das ist ein normales Procedere.
Dass es sich bei diesem Täter um den ehemals Sicherungsverwahrten handelte, erfuhr die Mutter dann am selben Tag im Radio.
Als die Polizei am 14. Juli von dem Treffer im Landeskriminalamt erfährt, wird der Täter von einem Beamten angerufen, er möge doch bitte für einen Abgleich seiner Geodaten in einer Polizeiwache vorstellig werden. Der 49-Jährige tut, was er soll. Dann wird er in der Polizeiwache festgenommen.
Zunächst leugnet er die Tat, schließlich gesteht er.

Nach der Tat wurden 15 Fälle überprüft, bei denen der Mann nach Ende seiner Überwachung durch die Polizei sich möglicherweise Kindern genähert haben soll. In zwei Fällen gilt er als wahrscheinlicher Täter. Beide Taten geschahen vor dem 26. Januar. Dem Tag, an dem das Kind missbraucht wurde.

Die Polizei möchte sich im Moment zu den Geschehnissen nicht äußern. In diesem Fall, der intensiv geprüft werde, gebe es eine Berichtspflicht an das Innenministerium. Diesem Bericht möchte man nicht vorgreifen.
Laut einem Sprecher der Staatsanwaltschaft Dortmund gab es im Februar in der Staatsanwaltschaft die Einschätzung, dass keine Straftat vorgelegen habe. Darum habe man das Verfahren eingestellt.
Der Sprecher: „Im Nachhinein war das falsch.“
Hinweise, ob der Mann sich nach der Tat weiteren Kindern “strafbewehrt” genähert habe, lägen derzeit nicht vor.

Diese Geschichte erschien in fast identischer Form in der Lokalausgabe der Dortmunder RN. Sie ist ein eine Folgegeschichte einer Zusammenfassung, die an gleicher Stelle erschien. Damals stand bei meiner Recherche im Vordergrund, wie es eigentlich dazu kommen konnte, dass ein als hochgefährlich eingestufter Sexualstraftäter aus der Sicherungsverwahrung entlassen wurde und nach Dortmund kam. Im Vordergrund stand aber, welche Entscheidungen getroffen oder nicht getroffen wurden, so das der Mann nach knapp vier Monaten trotz unveränderter Sicherheitseinstufung nicht mehr überwacht wurde.
Nach dieser Berichterstattung meldete sich dann die Mutter.

Jedem Tier sein Kind

Gestern war in der Zeitung zu lesen, dass Deutschland das kinderärmste Land Europas ist. Nur jeder sechste Einwohner ist unter 18 Jahren alt, statistisch gesehen sind das 13,1 Millionen Menschen. Erstaunlicherweise ist 13,1 Millionen auch die Anzahl von Hunden und Katzen, die in Deutschland leben (5,3 Millionen Hunde und 7,8 Millionen Katzen).

Dolle Sache, mag man denken, nachdem das Förderprojekt Jeki (Jedem Kind ein Instrument) ja wegen schlechter Finanzlage nicht so geklappt hat, bekommen wir immerhin Jetie (Jedem Tier ein Kind) gebacken.
Eine goldene Zukunft könnte uns da entgegenleuchten, Blindenkinder führen blinde Hunde spazieren. Pflegekinder kümmern sich um alte Katzen und Putzkinder entfernen die Hundehaufen von den Straßen. Problematisch lediglich ist, dass bei der ganzen Tierliebe nicht mehr genug Kinder nachwachsen, um sich angemessen um all die lieben Vierbeiner zu kümmern. Man muss das verstehen, das Geld ist knapp und wenn die dringend notwendigen Investitionen wie Tiertherapeut, Katzenpool und goldenes Halsband erst einmal abgezahlt sind, wer soll dann noch Geld für Kinder haben? Und in den Nachschlagewerken wird es in hundert Jahren unter D wie Deutsche heißen: „Westeuropäisches und tierliebes Volk, vom Aussterben bedroht, vereinzelte und hoch bedrohte Vorkommen noch in der Uckermark und auf den ostfriesischen Inseln.“ In der Uckermark werden Hunde und Katzen von den zurückgekehrten Wölfen gefressen und auf die Inseln können sie nicht schwimmen. Nur deswegen haben die Menschen da noch Kinder.
Die Menschen könnten ein bisschen gegensteuern und es so machen wie ich, ich habe mir ja neulich ein Kind angeschafft, damit unser Hund was zum Spielen hat. Das Kind ist jetzt ein wenig abgenutzt, wir überlegen gerade, uns noch ein zweites zuzulegen, dann verteilen sich die Gebrauchsspuren vielleicht besser. Oder die Menschen lassen alles so, wie es ist. Kaufen ihren Tieren Bio-Futter, Wohlfühl-Flohschaumbad und goldene Halsbänder und sitzen abends in ihren überdimensionierten Hundehütten. Da freuen sie sich dann, wenn die Hunde den Mond anheulen und die Katzen schnurren – das übertönt das Schluchzen der Menschen in ihrer Einsamkeit.
P.S.: Schlagt ihn tot, den Hund, er ist ein Kritiker. (Goethe)

Wie Anders B. Kontakt nach Dortmund bekam

Als am Samstag klar wurde, was da in Norwegen passiert war, war auch mein Entsetzen groß, mehr kann ich dazu nicht sagen.
Das haben und werden bessere Leute noch zur Genüge tun. Ich habe, abgesehen davon, dass Norwegen zu meinen Lieblings-Reiseländern gehört, auch nichts beizutragen, was irgendwie erhellend wäre.
Dennoch muss ich das Thema mal kurz aufgreifen, hier geht es aber eher um die mediale Nachbereitung.

Am Montag, es war früher Abend, wurde bekannt, dass der Scheißtyp seine geistigen Ergüsse an mehrere hundert, andere sagen 1500 E-Mail-Adressen in Europa und den USA gemailt hatte. Das geschah zwischen 14.00 und 14.08 Uhr am Tattag, Empfänger seiner Post war offenbar alles, was eine Mail-Adresse hat und irgendwie rechts roch.
Darunter offenbar auch die NPD Unna, die hier in Dortmund gut vernetzt ist und auch ihre Treffen mangels Räumen in Unna abhält. Und der “Nationale Widerstand Dortmund”, über die lässt sich genug im Netz finden.
Man kann jetzt darüber streiten, ob das richtig oder falsch war, aber ich habe dann eine kleine Meldung in unserem Dortmunder Lokalteil der Ruhr Nachrichten platziert, dass das so war und die Herren also Post aus Norwegen bekommen haben.

Am Dienstag, 12.13 Uhr, meldete sich dann der „Dortmunder Arbeitskreis gegen Rechtsextremismus“ mit einer Pressemitteilung zu Wort. Sie hatten in unsere Zeitung geguckt und formulierten jetzt markig:

Kontakte zwischen Osloer Attentäter und Dortmunder Neonazis
Fragen an Politik, Justiz und Polizei

Der Dortmunder ARBEITSKREIS GEGEN RECHTSEXTREMISMUS ist alarmiert durch Pressemeldungen, die auf Verbindungen zwischen dem Osloer Attentäter Anders Breivik und der Dortmunder Neonazi-Szene hinweisen. So hat Breivik nach Auskunft norwegischer Sicherheitskreise eine umfangreiche Schrift, in der er seine mörderischen Anschläge begründet, wenige Stunden vor der Tat per E-Mail weltweit an Adressaten aus dem Neonazi-Spektrum verschickt – darunter auch der sogenannte „Nationale Widerstand Dortmund“ und die NPD Unna….

Die Überschrift, nun ja, grenzwertig reißerisch. Im Text ist dann zügig von Verbindungen die Rede – aber auch davon hatten wir auch nie geschrieben, ich hatten lediglich festgehalten, dass es einen E-Mail-Versand in Richtung Dortmund gegeben hatte. Und das hatten wir für erwähnenswert gehalten.
Gut, dass die Versender von Pressemitteilungen ihre eigenen Interessen haben, liegt in der Natur der Sache und ist nicht weiter überraschend oder anstößig.

Krude wurde die Geschichte dann aber gegen 14 Uhr, als mich ein Kollege aus Düsseldorf anrief, um mich darauf hinzuweisen, dass der norwegische Massenmörder offenbar Kontakte nach Dortmund gehabt habe. Das würde gerade ein Wochen-Magazin in seinem Live-Ticker zu der Situation in Norwegen schreiben.
Ich habe dann da nachgesehen, es stimmte: Dort war dann zu lesen, dass der Norweger Anders Breivik nach Auskunft des „Dortmunder Arbeitskreis gegen Rechtsextremismus“ Kontakte nach Dortmund gehabt habe. Das gehe aus einer Pressemitteilung des Dortmunder Arbeitskreises…
Mittlerweile ist das geändert, nun liest es sich so:

So etwas in die Welt zu setzen lag nicht in meiner Absicht.
Echt nicht.
Anders formuliert: Lest doch eure Quellen besser, bevor ihr irgendwelchen Quatsch in die Welt blast.